Die Frage “warum ausgerechnet ein Schiller Flashmob” kann man natürlich mit vielen hochtrabenden Sätzen beantworten. Ein erster Erklärungsversuch ergibt sich aus Gedanken der Differenzierung von anderen Flashmobs und führt uns so weg von der Banalität des Alltags, welche in anderen Aktionen dieser Art häufig sowohl thematisiert als auch instrumentalisiert wird. Kann sich denn ein Flashmob nicht mal von dieser Banalität lösen und sich um wirklich wichtige Dinge kümmern? Bekämpfung von Hungersnot, Weltrevolution oder die Verbreitung von mehr Nächstenliebe. Ok – deutlich zu schwülstig.
Also der nächste Erklärungsversuch: In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Jahr keine hochkarätigen “Brot- und Spiele-Sportevents” wie Fussball-W- oder EMen stattfinden, wäre die Gelegenheit doch günstig, auch anderen Lebensbereichen einen Platz im öffentlichen Raum zu verschaffen. Doch was wäre ein adäquates Kontrasprogramm zum Public Viewing? Vielleicht ja mal etwas aktiveres, bei dem alle mitmachen können? Wobei: ein gewisser Mitmacheffekt wird ja auch bei den Sportveranstaltungen erzeugt – Singen, in die Hände klatschen, laut schimpfen. Also nicht Musik, Tanz oder Sport, sondern etwas aus einem Bereich, dem ansonsten relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ornithologie, griechische Mythologie oder öffentliches Briefmakensammeln zum Beispiel. Oder Literaur, denn aufgrund ihres Wesens hat sie relativ eingeschränkte Chancen, sich Gehör zu verschaffen.
Also Literatur. Aber natürlich ist das ganze Geschwafel von oben nicht der Grund. Trotzdem weiter in der Argumentationskette, die so schlüssig sein könnte. Verschiedene Literaten der Popkultur sind medial omnipräsent. Die kann keiner mehr sehen oder hören. Vielleicht ein längst vergessener Klassiker? Etwas, das in der Schule jeder gehasst hat, das aber – wenn man sich ein bisschen mehr damit beschäftigt doch hochspannend sein kann? Vielleicht Goethe oder Schiller? OK. Die geniessen natürlich auch ein bißchen Publicity – Schiller wird sogar mal wieder ein ganzes Jahr lang gehuldigt (“Schillerjahr”). Aber trotzdem könnte man sich ja irgendwelche tollen Rechtfertigungen ausdenken wie z.B. die viel zu wenig gewürdigen historischen Wurzeln des Schriftstellers (seine epochale Schaffensphase in Stuttgart darf natürlich nicht in Vergessenheit geraten), die Unterstützung des Freiheitsgedankens in seinem Werke – insbesondere im Hinblick auf die kommende Internetzensur – oder irgendwelche Parallelen zu Flüchtlingsströmen aus mehr oder weniger fernen Ländern.
Aber natürlich ist das auch alles Blödsinn.
Und ganz im ernst? Ganz im ernst, weils Spass macht ist und so die schönen, gelben Reclam Hefte endlich mal wieder aus dem Regal kommen.
Mai 4, 2009 um 3:08 nachmittags |
[...] 08.05.2009, ein Tag vor Schillers Todestag, heißt es um 18 Uhr “Hefte raus!”: Beim Schiller Flashmob in Stuttgart auf dem – wo auch sonst – Schillerplatz kann jeder [...]